Wenn TSH unauffällig ist – und die Haare trotzdem fallen
Du hast die Schilddrüse prüfen lassen. TSH war normal. Ferritin okay. Trotzdem verlierst du weiter Haare, siehst beim Kämmen mehr im Bürstenfeld als früher, und der Scheitel wird breiter.
Das ist eine Situation, die viele kennen – und die zu einer Sackgasse wird, weil die Hormondiagnostik nach dem TSH-Check oft aufhört. Dabei zeigt eine 2024 im Fachjournal Biomedicines erschienene Übersichtsarbeit (Owecka et al.), dass die gezielte Untersuchung von Haarausfall zur Diagnose zugrundeliegender endokriner Erkrankungen führen kann – wenn man über die Schilddrüse hinausdenkt.
Dieser Artikel erklärt fünf Hormonwerte, die in Ratgebern zu Haarausfall Hormone DHEA Cortisol Prolaktin selten vorkommen, aber in der Endokrinologie als relevante Auslöser gelten: DHEA-S, Cortisol, Prolaktin, LH und SHBG.
Die 5 unterschätzten Hormonwerte bei Haarausfall
1. DHEA-S – wenn die Nebenniere Androgene liefert
Die meisten Gespräche über hormonellen Haarausfall drehen sich um Testosteron. Dabei ist DHEA-S ein mindestens genauso relevanter Faktor – mit einem entscheidenden Unterschied: Der Wert stammt fast ausschließlich aus der Nebenniere, nicht aus den Eierstöcken.
DHEA-S (Dehydroepiandrosteronsulfat) ist ein Vorläuferhormon, das im Körper in aktive Androgene umgewandelt werden kann. Diese binden dann an Rezeptoren am Haarfollikel und können – bei genetischer Empfindlichkeit – die Miniaturisierung des Follikels vorantreiben.
Die Biomedicines-Übersichtsarbeit 2024 beschreibt, dass bei frühem androgenetischem Haarausfall erhöhte DHEA-S-Werte zusammen mit erniedrigtem SHBG dokumentiert wurden. Stark erhöhtes DHEA-S in Kombination mit 17-OHP kann außerdem ein Hinweis auf erhöhte Nebennierenaktivität sein.
Orientierungsbereiche für Frauen (altersabhängig):
| Alter | Orientierungsbereich | |-------|---------------------| | 20–30 Jahre | 150–380 µg/dl | | 30–40 Jahre | 100–300 µg/dl | | 40–50 Jahre | 70–220 µg/dl | | 50+ Jahre | 40–150 µg/dl |
Der Wert sinkt mit dem Alter – das macht den alterspassenden Vergleich besonders wichtig. Leitlinien empfehlen die Abnahme in der frühen Follikelphase (Zyklustag 2–5).
Mehr zu DHEA-S als Hormonmarker
2. Cortisol – wenn Stress die Haarwurzel angreift
Chronischer Stress ist keine Metapher für Haarausfall – er ist ein messbarer Eingriff in den Haarwachstumszyklus. Das Stresshormon Cortisol greift direkt in die biochemische Umgebung des Haarfollikels ein.
Die Biomedicines-Übersichtsarbeit 2024 beschreibt den Mechanismus: Erhöhtes Cortisol hemmt die Synthese von Hyaluronan und Proteoglykanen in der Haut. Diese Strukturmoleküle sind essenziell für eine gesunde Follikelumgebung. Weniger Hyaluronan bedeutet weniger Rückhalt für den wachsenden Haarschaft.
Ein einzelner Cortisol-Blutwert ist allerdings wenig aussagekräftig. Das Hormon folgt einem starken Tagesrhythmus: morgens hoch, abends niedrig. Ein Morgenblutcortisol zwischen 10 und 18 µg/dl (entspricht etwa 276–497 nmol/l) gilt als grobe Orientierung – aber ohne Messzeitpunkt und Kontext ist der Wert kaum zu deuten.
Bei Verdacht auf eine gestörte HPA-Achse ist ein Speichelkortisol-Tagesprofil informativer als ein einzelner Blutwert.
Cortisol im Blutwert-Kontext einordnen
3. Prolaktin – das Stillhormon mit Androgeneffekt
Prolaktin ist außerhalb von Schwangerschaft und Stillzeit kein Hormon, das die meisten Frauen im Kopf haben. Dabei kann es bei dauerhaft erhöhten Werten die Sexualhormonachse aus dem Gleichgewicht bringen.
Die 2024er Übersichtsarbeit empfiehlt, Prolaktin bei der initialen Hormondiagnostik von Frauen mit androgenetischen Haarausfallsymptomen routinemäßig mitzumessen. Erhöhtes Prolaktin kann die Ausschüttung von FSH und LH dämpfen und damit indirekt die Androgensituation verändern.
Prolaktin ist sehr störanfällig. Schon Stress vor der Blutabnahme, Schlafmangel oder bestimmte Medikamente können den Wert kurzfristig erhöhen. Ein einzelner auffälliger Wert sollte immer wiederholt werden – morgens, nüchtern, entspannt.
Orientierungsbereich außerhalb von Schwangerschaft und Stillzeit: 3–25 ng/ml
Werte, die wiederholt deutlich darüber liegen, gehören endokrinologisch eingeordnet.
Prolaktin als Hormonwert verstehen
4. LH – das Steuerhormon im Androgenkontext
LH (Luteinisierendes Hormon) steuert die Eierstöcke und beeinflusst dort die Hormonproduktion. Ein dauerhaft erhöhtes LH – besonders im Verhältnis zu FSH – kann ein Hinweis auf eine gestörte Ovarialfunktion oder PCOS sein.
Eine Scoping-Review aus PLoS One (2024) fand in einem Teil der untersuchten Studien signifikant erhöhte LH-Spiegel bei Betroffenen mit früh einsetzendem Haarausfall – zusammen mit DHEA-S und Prolaktin. Ein anderer Teil der Studien fand keinen Unterschied. Studienlage als Kontext, nicht als Beweis.
Das Timing bei der Abnahme ist entscheidend: LH schwankt extrem je nach Zyklusphase. Die sinnvollste Messung erfolgt in der frühen Follikelphase (Zyklustag 2–5).
Orientierungsbereich Frauen (Follikelphase): 2–12 IU/l
LH und Zykluskontext auf Optimalwerte
5. SHBG – das Protein, das entscheidet, was wirklich ankommt
SHBG (Sexualhormon-bindendes Globulin) ist kein Hormon, sondern ein Transportprotein – aber es entscheidet maßgeblich mit, wie viel Testosteron am Haarfollikel tatsächlich wirken kann.
Die Biomedicines-Übersichtsarbeit 2024 beschreibt einen negativen Zusammenhang zwischen SHBG und Alopecieschwere: Je höher das SHBG, desto mehr Testosteron ist gebunden und biologisch inaktiv. Niedriges SHBG hingegen gibt Testosteron frei – auch wenn der Gesamt-Testosteronwert im Labor noch normal aussieht.
Eine Studie aus Pol Merkur Lekarski (2020) untersuchte 106 Frauen mit weiblichem Haarausfall-Muster und fand erhöhtes SHBG bei 38,8 % der Patientinnen – der Wert kann in beide Richtungen auffällig sein.
Referenzbereich Frauen: 40–100 nmol/l Referenzbereich Männer: 20–55 nmol/l
SHBG und Androgenkontext einordnen
Wann zum Arzt?
Diese fünf Werte geben keine Diagnose – aber sie geben die richtigen Fragen für das Gespräch. Es lohnt sich, aktiv nachzufragen, wenn:
- Haarausfall trotz normalem TSH und Ferritin anhält oder sich verschlechtert
- Begleitsymptome wie Akne, Zyklusunregelmäßigkeiten, Gewichtszunahme oder starke Müdigkeit bestehen
- Haarausfall nach hormonellen Veränderungen begann (Schwangerschaft, Absetzen der Pille, Perimenopause)
- Medikamente eingenommen werden, die den Hormonstatus beeinflussen können
Fragen für das Arztgespräch:
- Wurden DHEA-S, Cortisol, Prolaktin, LH und SHBG bei mir schon gemessen?
- Wurde LH am richtigen Zyklustag abgenommen – war das die frühe Follikelphase (Tag 2–5)?
- Könnte mein SHBG erklären, warum trotz normalem Gesamt-Testosteron androgene Wirkung möglich ist?
- Gibt es Hinweise auf PCOS, Insulinresistenz oder erhöhte Nebennierenaktivität?
- Sollte Prolaktin wiederholt werden, um einen stressbedingten Einmalwert auszuschließen?
Was zahlt die Kasse?
- TSH, Ferritin, Blutbild: bei Haarausfall in der Regel Kassenleistung
- DHEA-S, Prolaktin, LH, SHBG: werden bei begründetem Verdacht übernommen – eine Überweisung zur Endokrinologie oder Gynäkologie erhöht die Chance
- Cortisol-Tagesprofil im Speichel: oft IGeL-Leistung, die selbst getragen wird
Fazit
TSH zu prüfen ist richtig – aber bei anhaltendem diffusem Haarausfall oft nicht genug. DHEA-S, Cortisol, Prolaktin, LH und SHBG können gemeinsam ein Bild zeigen, das erklärt, warum Haare fallen, obwohl die Schilddrüse unauffällig ist. Keiner dieser Werte macht allein eine Diagnose. Aber zusammen geben sie dir und deiner Ärztin eine Sprache, um gezielter zu suchen – statt Haarausfall als unvermeidliches Schicksal hinzunehmen.
Deine Werte einordnen lassen
Wenn du Laborwerte hast oder wissen möchtest, welche Hormonwerte bei deinem Haarausfall-Thema sinnvoll zu prüfen wären, kannst du dir eine strukturierte Orientierung holen. Kein Diagnose-Service, kein Behandlungsplan – sondern eine Einordnung, die du ins Arztgespräch mitnehmen kannst.
Blutwerte-Orientierung anfragen – du schickst mir deine Werte, ich erkläre, was sie bedeuten können.
Kostenloser Blutwerte-Check – ein erster Überblick, welche Werte bei deinem Thema relevant sein könnten.
Hinweis: Diese Angebote ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Therapie. Sie helfen dir, informierter ins Arztgespräch zu gehen.
Quellen und Studien
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Owecka B, Tomaszewska A, Dobrzeniecki K, Owecki M. The Hormonal Background of Hair Loss in Non-Scarring Alopecias. Biomedicines. 2024;12(3):513. PMC10968111
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Kazmi S et al. Factors associated with early-onset androgenetic alopecia: A scoping review. PLoS One. 2024. PMC10919688
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Pruszkowska-Przybylska P et al. Is hormone testing worthwhile in patients with female pattern hair loss? Pol Merkur Lekarski. 2020. PubMed 33130791
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapie.